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OV Isselhorst

Das Gemeindehaus

Über 100 Jahre ein Mittelpunkt des Gemeindelebens

Ein Artikel aus dem ISSELHORSTER vom Februar 2022

 

Vielfältig ist die Nutzung des Gemeindehauses, nur coronabedingt ist es im Augenblick ruhiger. Die Chöre proben im großen Saal, Jugendgruppen genauso wie ältere Gemeindemitglieder treffen sich, Jugendliche besuchen den Konfirmandenunterricht, der CVJM hat die Kellerräume hergerichtet, es ist Platz für Krabbelgruppen. Diese vielfältige Nutzung von ganz unterschiedlichen Gruppen hat eine lange Tradition, alles begann um etwa 1890.

 

Der Beginn

Ein Konfirmandensaal. Aus der Zeit um 1890 stammt der älteste Teil des Gemeindehauses. Damals erbaute die Gemeinde an Stelle der Scheune des Pfarrhofes einen Konfirmandensaal. Der runde Bogen des Eingangsportals ist heute noch zu sehen. Als Bogen im Inneren wird er für die Aufhängung des Kreuzes genutzt. In diesem Raum standen Klappbänke für die Konfirmandengruppen. Außerdem wurde der Raum von den Sportlern des CVJM genutzt. Natürlich fanden die Sportgeräte (der Barren, das Pferd, die Matten) hier ihren Platz. Auch der Posaunenchor nutzte den Raum und hatte hier seine Schränke für Noten und Instrumente. Hier tagte die Frauenhilfe, die um 1910 aus dem Missions-Nähverein hervorging, hier probte der 1924 gegründete Kirchenchor.

 

Die Erweiterung

1927 erfolge ein Anbau an den Gemeindesaal. Damals reichte der Platz für die Gemeindeaktivitäten nicht mehr aus. Vor den Saal setzte man ein zweistöckiges Gebäude. Im Keller entstand eine Art „Waschküche“ zum Kaffeekochen und zum Geschirrspülen. Der erhöhte Anbau erhielt eine Bühne zum Theaterspielen der kirchlichen Vereine. Vor allem im Winter war das Gemeindehaus damit der Ort für gemeindliche Unterhaltung; das Fernsehen gab es noch nicht, das Radio steckte in den Anfängen.

 

Zufluchtsort

Als sich im Nationalsozialismus die kirchlichen Jungendgruppen auflösen mussten und nur noch die Hitlerjugend erlaubt war, diente das Gemeindehaus vor allem dem kirchlichen Unterricht. Ferner fanden hier Gemeindeversammlungen statt, die in den sonntäglichen Gebets- oder „Missionsstunden“ durchgeführt wurden. Die „Bekenntnisgemeinde“, die sich deutlich von den Deutschen Christen abgrenzte, hielt hier ihre Andachten.

 

Bildung und Musik

Auch nach dem 2. Weltkrieg fanden im Gemeindehaus wieder die gemeindlichen Jugendgruppen, der CVJM, der Mädchenkreis und die Jungschar ihr Zuhause. Die Jungbläser wurden hier ausgebildet. Und das Gemeindehaus war ein Ort der Bildung: Es gab kirchliche Vorträge, die Volkshochschule tagte hier, bereits seit 1924 unterhielt die Kirchengemeinde eine kleine Bibliothek.

 

Das Gemeindezentrum

In den 60er Jahren entsprach die Einrichtung zunehmend weniger den Anforderungen an ein aktives Gemeindeleben. Zunehmend fehlte es an Räumen für heranwachsende Jugendliche. Außerdem wurde in der Gemeinde schon lange dringend ein Kindergarten gewünscht. Nach langen Widerständen in den Reihen des Presbyteriums gelang es einer kleinen Gruppe aufgeschlossener Presbyter, darunter besonders Heinz Höcker, Alfred Kerpe, August Kroos und Hermann Wolk, und engagierter Gemeindemitglieder, gemeinsam mit Kommunalpolitikern einen fortschrittlichen Plan durchzusetzen. Es entstand ein Gemeinde- und Jugendzentrum. Bauplanung, -leitung und -aufsicht lagen in den Händen von Architekt Heinrich Schröder, umfangreich unterstützt durch viele ehrenamtlich geleistete Arbeitsstunden.

 

Das Jugendzentrum

Das Gemeindehaus wurde erweitert. Es erhielt zwei Säle, die durch eine Falttür getrennt waren. Die Nische des ehemaligen Eingangs nahm das Kreuz und den Altar auf. Im Keller wurden die Stühle gestapelt.

 

Die Erweiterung diente vor allem auch dazu, Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche zu schaffen. Das Obergeschoss beherbergte Klubräume für die Jugend, im Keller gab es einen Tischtennisraum.  Es gab eine „Werkstube für Jungen“ und eine Jugendbibliothek.  An zwei Abenden in der Woche stand das Jugendheim allen Jugendlichen aus Isselhorst offen, mit einer „teiloffenen“ Tür.

 

Das Gemeindehaus als Jugendheim schloss sich damit weitsichtig einer neuen Entwicklung an: Die Gesellschaft erkannte: Jugendlich zu sein ist eine besondere Lebensphase mit besonderen Bedürfnissen. Dazu gehört zum Beispiel, sich außerhalb der Familie in selbstverwalteten Räumen zu treffen, abgeschieden von den Räumen des Elternhauses. Das Gemeindehaus bot solche Räume an.

 

Zwischen dem renovierten und erweiterten Gemeindehaus und dem Kindergarten wurde ein verbindender Zwischenbau erstellt. Zwei Seiten bestanden aus Glas, so dass der Blick von der  Steinhagener Straße auf die Kirche frei war.

 

Der Kindergarten

Der vierzügige Kindergarten sah im Parterre drei Gruppen mit je 30 Kindern vor, im Obergeschoss einen Hort für schulpflichtige Kinder. Im Obergeschoss gab es ferner eine abgeschlossene Wohnung für die Leiterin sowie möblierte Zimmer für Erzieherinnen. Als diese nicht mehr gebraucht wurden, konnte der Kindergarten sie nutzen. Das Gebäude wurde entlang der Straße errichtet, um den Spielplatz der Kinder vor Lärm und Abgasen zu schützen. Der Spielplatz bestand aus zwei getrennten Plätzen für unterschiedliche Altersgruppen und einer Spielwiese.

 

Die Westfälische Zeitung würdige das Projekt als „lobens- und nachahmenswert“. Die Bauarbeiten begannen im Herbst 1961. Im Dezember 1963 wurde der Kindergarten von Pfarrer Braune feierlich eingeweiht, in Anwesenheit der Bürgermeister der fünf Gemeinden des Kirchspiels, des Amtsdirektors Busse sowie kirchlicher Vertreter.

 

Das heutige Gemeindezentrum

Nach vierzig Jahren stand eine erneute Erweiterung und Modernisierung an; die intensive Nutzung und veränderte Anforderungen machten eine Weiterentwicklung notwendig. Das Gemeindehaus war überlastet. Veranstaltungen mussten wegen Raummangels abgesagt werden. Auch der Raumbedarf für den Kindergarten stieg. Unter der Leitung von Architekt Norbert Beckmann wurde zwischen Gemeindehaus und Kindergarten ein zweigeschossiger Neubau errichtet, der alte  Verbindungstrakt wurde abgerissen. Im Neubau entstanden neue Räume für Kindergarten und Gemeinde. Die Kosten beliefen sich auf 800.000 Euro. Die Hälfte trug der Kirchenkreis Gütersloh, der Rest wurde aus Rücklagen finanziert. Zur Finanzierung der Innenausstattung wurden die Gemeindemitglieder um Spenden gebeten.

 

Die Einweihung erfolgte im Juli 2003, anwesend waren neben Gemeindemitgliedern Architekt Norbert Beckmann, Kirchmeister Hans-Heinrich Knufinke, die Pfarrer Reinhard Kölsch und Michael Fürste, Superintendent Dr. Detlef Reichardt und, als Vertreterin der weltlichen Kommune, Bürgermeisterin Maria Unger.

 

Weitere Modernisierungen

Auch in den folgenden Jahren erfolgten weitere Investitionen. Das Gemeindehaus erhielt vor gut zwei Jahren neue Fenster. Auf dem Dach der Kita wurden Photovoltaik-Module installiert. Und besonders kostenintensiv (fast 300.000€): Im Jahr 2010-2011 erfolgten Umbau und Erweiterung der Kita für U-3-Kinder. Im Außenbereich wurde 2018 schließlich der Spielplatz völlig neugestaltet, auch hier mit einem erheblichen Spendenanteil.

 

Bewahrung

Das Gemeindehaus ist seit mehr als 100 Jahren der Ort wichtiger Gemeindeaktivitäten: Es ist der Ort der Begegnung für Jung und Alt, ein Ort der musikalischen Aktivitäten. Es ist der Ort für Bildungsangebote und evangelische Unterweisung. Der Kindergarten symbolisiert die Aufgabe, an der Erziehung der Kinder mitzuwirken. Regelmäßige Modernisierungen erhielten die Substanz der Gebäude und erweiterten die Nutzungen. Das Gebäudeensemble steht für jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement, ist nicht denkbar ohne umfangreiche Spenden an Geld, Arbeit und Zeit. Der Name „Gemeindezentrum“ bringt es zum Ausdruck: Die Gebäude bilden den Mittelpunkt des Gemeindelebens. Sie sind ein Ort der Identifikation.

 

Renate Plöger, Siegfried Bethlehem